Warum dieses Projekt nicht mehr Sozialarbeit braucht
Ausgangslage
Es gibt Widerstände gegen das Projekt mit dem impliziten oder expliziten Argument:
„Ohne intensive Begleitung ist das fachlich nicht verantwortbar.“
Dieses Argument ist nicht primär fachlich, sondern struktur- und arbeitsmarktpolitisch motiviert.
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| Obdachlose Person schläft auf Bank am Bahnhof |
1. Grundsatz: Sozialarbeit ist kein Selbstzweck
Sozialarbeit existiert:
- für Menschen
- nicht für Stellenprozente
- nicht zur Aufrechterhaltung von Systemen
Ein Projekt ist nicht besser, nur weil mehr Fachstellen daran hängen.
👉 Wenn ein Mensch ohne zusätzliche Intervention überlebt, ist weniger Sozialarbeit kein Mangel, sondern ein Erfolg.
2. Housing First bedeutet: Wohnen ohne Vorbedingungen
Nach den Grundprinzipien von Housing First gilt:
- kein Therapiezwang
- kein Gesprächszwang
- kein Anpassungszwang
- keine Mitwirkungspflicht als Bedingung für Wohnen
👉 Betreuung ist ein Angebot, kein Legitimationsinstrument für Wohnraum.
Wenn argumentiert wird: „Ohne Begleitung geht das nicht“ ist die Gegenfrage legitim:
„Für wen geht es nicht – für die Bewohner oder für das System?“
3. Mehr Betreuung ≠ mehr Wirkung
Empirische Erfahrung (auch aus der Praxis):
Hochrandständige Menschen brechen zuerst an Beziehungspflichten, nicht an Wohnraum.
Zwanghafte Begleitung erhöht:
- Abbruchquoten
- Konflikte
- Machtkämpfe
Minimalstrukturen stabilisieren oft besser als Überbetreuung.
👉 Nicht jedes Problem ist ein Beziehungsdefizit. Manchmal ist es schlicht Obdachlosigkeit.
4. Arbeitsplatzargumente sind kein Fachargument
Wenn gesagt wird: „Das gefährdet bestehende Stellen / Fachlichkeit / Profession“
Dann ist klarzustellen:
- Das Projekt ersetzt keine bestehenden Angebote
- Es schliesst eine Lücke, die bisher niemand sinnvoll bedient
- Arbeitsplätze dürfen nicht durch Leid legitimiert werden
👉 Niemand hat Anspruch darauf, dass Menschen instabil bleiben, damit Betreuung ausgelastet ist.
5. Trennung von Wohnen und Hilfe ist fachlich korrekt
Ein zentrales professionelles Prinzip:
Hilfe darf nicht Bedingung für Grundbedürfnisse sein.
Dieses Projekt:
- entkoppelt Wohnen von Intervention
- verhindert instrumentalisierte Beziehung
- ermöglicht echte Freiwilligkeit
👉 Das ist professionelle Ethik, nicht Sparpolitik.
6. Kontrollargumente offenlegen
Häufige verdeckte Motive hinter „mehr Betreuung“:
- Kontrollbedürfnis
- Angst vor Autonomie der Klienten
- institutionelle Haftungslogik
- Misstrauen gegenüber Selbstregulation
Gegenfrage:
„Warum trauen wir Menschen weniger zu als unseren Konzepten?“
7. Das entscheidende Argument
„Dieses Projekt reduziert nicht Sozialarbeit – es reduziert die Notwendigkeit von Intervention.“
Oder schärfer:
„Wenn ein sicherer Schlafplatz ohne Gesprächspflicht wirkt, ist das kein Versagen der Sozialarbeit, sondern ihr Erfolg.“
8. Klare Schlusslinie
Dieses Projekt ist:
- nicht gegen Sozialarbeit
- nicht gegen Fachlichkeit
- nicht gegen Begleitung
Aber es ist gegen:
- Betreuung um der Betreuung willen
- Arbeitsplatzsicherung durch Eskalation
- moralische Aufladung von Grundversorgung
Merksatz zum Mitnehmen
„Professionell ist nicht, wo wir gebraucht werden – sondern wo wir entbehrlich werden.“

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